Eine richtig gute Nachricht vorneweg: Auch in der vergangenen Woche gab es wieder einen deutlichen Rückgang bei den Infektionszahlen, die jetzt schon zweieinhalb Monate unser Leben bestimmen. Wenn wir einmal in andere Länder schauen, ist Deutschland in der Infektionsbekämpfung sehr erfolgreich gewesen. Aber der Preis ist auch unübersehbar, wirtschaftlich und gesellschaftlich, in den Unternehmen, den Familien, den Pflegeheimen. Deswegen ist die wachsende Ungeduld, aus dieser Starre wieder heraus zu kommen, nur allzu verständlich.
So weit, so gut – aber wie? Natürlich ist vielen Betroffenen ihr jeweiliges persönliches Anliegen das Dringendste, aber ist es das auch für das Gemeinwohl? Und wie wägen wir die unterschiedlichen Interessen überhaupt gegeneinander ab? Und wie sorgen wir dafür, dass auch in den nächsten Monaten der Infektionsschutz überall beachtet wird? Schließlich ist das Virus in Deutschland immer noch aktiv und kann uns, wenn es schlecht läuft, wieder in riesige Probleme stürzen.
In Niedersachsen haben wir jetzt als erste Landesregierung einen Plan vorgelegt, wie wir diese schwierige Aufgabe in den nächsten Wochen und Monaten lösen wollen. Das ist eine echte Denksportaufgabe, die aber klare Prinzipien braucht:
1. Die Kontrolle behalten
Wir haben Spielräume, das stimmt, aber eben auch unverändert Risiken. Vor der Klammer steht deshalb ein Grundsatz: Auch in den nächsten Monaten müssen wir die Kontrolle behalten. Der Maßstab dafür ist unser Gesundheitswesen, das nicht überlastet werden darf, um schlimme Bilder wie in New York oder Nord-Italien gar nicht erst entstehen zu lassen. Es geht also darum, konsequent Spielräume zu nutzen, aber auch nicht zu überschreiten.
2. Alle Bereiche brauchen eine Perspektive
Bis jetzt werden immer nur einzelne Maßnahmen diskutiert, von den Möbelmärkten bis zu den Gesichtsbedeckungen. Wir brauchen aber eine Sicht auf alle Bereiche und alle müssen wissen, wie es weitergehen kann – von der Bildung über die Wirtschaft und die Kultur bis zur Freizeit.
3. Schritt für Schritt
Natürlich kann aber nicht alles gleichzeitig geschehen. Wir haben bei den Lockerungen ja keine Erfahrungen, auf die wir zurückgreifen können, um genau zu beurteilen, welche Lockerungen welche Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen haben. Deswegen müssen wir in allen Bereichen in Phasen planen, damit wir diese Erfahrungen Schritt für Schritt machen können. Schritt für Schritt – gerne nach vorne, aber wenn es nötig ist, eben auch einmal zurück!
4. Zwischen Scylla und Charybdis durchsteuern
Scylla und Charybdis sind ein uraltes Pärchen von Meeresungeheuern aus der griechischen Mythologie, zwischen denen Odysseus irgendwie durchsteuern musste. Heute haben wir es zwar nicht mit Meeresungeheuern zu tun, aber mit einem gefährlichen Virus einerseits und hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden andererseits. Dieses Dilemma lässt sich nur lösen, in dem wir immer wieder neu abwägen, wo der richtige Mittelweg ist. Also zum Beispiel damit anzufangen, wo das Infektionsrisiko überschaubar ist, aber der Schaden besonders hoch. Und vor allem: Bei allen Lockerungen auf die richtigen Rahmenbedingungen zu achten, so gut es nur geht. Wir werden zum Beispiel überall Hygienkonzepte strikt einhalten müssen. Das ist mühsam, aber anders geht es nun einmal leider nicht. Und deswegen wird unser Alltag im Schatten von Corona leider noch längere Zeit kein normaler Alltag sein können.
5. Am Ende entscheiden die Bürgerinnen und Bürger
So wichtig gute Politik ist, entscheidend für Erfolg oder Misserfolg unserer Lockerungen wird etwas anderes sein – das Verhalten von uns allen ganz persönlich. Wenn alle vernünftig sind, können wir bald fast alle Bereiche wieder am Start haben, und wenn alle unvernünftig sind, werden wir sehr schnell wieder große Probleme haben. Und was heißt das? Dass wir Abstand und Hygiene strikt einhalten müssen, immer und überall. Dann kommen wir zusammen am besten durch diese schwierige Phase.
Neugierig geworden? Dann empfehle ich Euch unser Stufenkonzept zur Lektüre. Ich bin gespannt auf Eure Meinung!
Ich wünsche Euch eine gute Woche.
Der Weg aus der Corona-Starre – vorsichtig, umsichtig und zielstrebig

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