Ein Thema, zwei Welten: Am Samstagabend war ich in Hitzacker an der Elbe, um die 75. Sommerlichen Musiktage zu eröffnen. Auf dem Weg dorthin hörte und las ich von der Anti-Corona-Demo in Berlin, einschließlich Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. In dem einen Fall – in Hitzacker – haben die Organisatoren mit größter Sorgfalt auf die Einhaltung von Hygiene, Abstand und Maske geachtet und trotzdem ein richtig gutes Musikfestival auf die Beine gestellt. In dem anderen Fall – in Berlin – scheint es geradezu Ziel der Veranstalter und Teilnehmer gewesen zu sein, alle Auflagen und den Infektionsschutz zu ignorieren. Was das bei einer derart großen Demonstration an Risiken mit sich bringt, kann man sich leicht ausmalen und ist nun einmal nicht auf die Teilnehmer beschränkt.
Ist das die Perspektive, die wir für die nächsten Monate haben? Eine weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die das Coronavirus ernst nimmt und Risiken vermeidet, und eine kleine, aber lautstarke Minderheit, die heftig gegen die Schutzmaßnahmen agitiert? Es könnte so kommen und die Frage ist, wie die Politik damit umgehen soll.
Der erste Impuls ist bei vielen und auch bei mir: Wer andere gefährdet, muss eine klare und eindeutige Reaktion des Staates erwarten. In Anbetracht von mehr als siebzehn Millionen Infektionen und mehr als 680 000 Corona-Toten weltweit liegt es auf der Hand, dass es eben nicht nur um die Einschränkung von individuellen Freiheitsrechten geht, wenn wir zum Beispiel im ÖPNV eine Maske tragen müssen – es geht vor allem um den Schutz von anderen Menschen. Niemand hat das Recht, seine Freiheit auf Kosten der Gesundheit von anderen zu genießen, das muss klar sein.
So weit, so gut, aber das alleine wird am Ende nicht reichen, fürchte ich. Genauso wie es um die Durchsetzung des Infektionsschutzes geht, brauchen wir eine geduldige und an die Vernunft appellierende Kommunikation. Harte Rechte und Menschen, die felsenfest an eine weltweite Verschwörung glauben, wird man dadurch wohl nicht erreichen können. Aber den vielen anderen sollte der Staat nicht nur mittels Polizei und Gesundheitsamt, sondern vor allem mit guten Argumenten begegnen.
Aber auch das ist wahrscheinlich nicht genug. Diese Pandemie ist nicht allein durch die Politik, sondern am Ende nur das Engagement von unzähligen Bürgerinnen und Bürgern zu überwinden. Das gilt für den Infektionsschutz selbst – ich habe in den letzten Wochen viele beeindruckende Beispiele für Disziplin und Zurückhaltung erlebt. Diese Regel gilt aber auch für die Diskussion in der Gesellschaft: Immer und überall müssen wir selbst freundlich, aber klar und deutlich für die Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen eintreten, auch wenn es zum Beispiel der eigene Nachbar gerade nicht gerne hören mag.
Bis jetzt ist Deutschland im internationalen Vergleich noch ziemlich glimpflich durch die Pandemie gekommen. Andere Länder bieten in Hülle und Fülle bittere Beispiele, die wir im eigenen Land besser nicht erleben wollen. Sorgen wir selbst dafür, dass es so bleibt!
Ich wünsche Euch eine gute Woche.
Keine Freiheit ohne Verantwortung

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